Vielleicht doch nicht – Eine Kurzgeschichte

In den letzten Tagen habe ich an einer neuen Kurzgeschichte gearbeitet, die ich in diesem Blogbeitrag mit euch teilen will. Sie handelt von einem Menschen, der sich nach der Arbeit jedes Mal fragt, wie leicht das Leben eigentlich ist und durch einen Blick in eine Bar neue Hinweise auf die Antwort darauf findet.

Ich mache die Tür hinter mir zu. Mit jedem weiteren Schritt fliegt der Stress meines Jobs wie Rauch aus den Kammern meiner Seele heraus und der Druck in mir löst sich. Mit nichtssagendem Blick schaue ich die Straße vor mir herunter.

Ein Auto nach dem anderen fährt an mir vorbei, als wäre nichts gewesen und die Welt doch nur eine Frage der Leichtigkeit. Doch ist sie es wirklich? Jedes Mal wenn ich die Tür zu meinem Büro schließe und mich auf den Heimweg mache, stelle ich mir diese Frage.

Einzig eine Antwort darauf finde ich nie. Vielleicht ist die Welt auch einfach zu komplex, um sie so simpel zu definieren, denke ich mir leise.
Die Ampel schaltet auf Grün und ich passiere die Straße. Während ich so durch die Straßen laufe, sehe ich mehrere Gruppen aus jungen Menschen, die hier offensichtlich gerade eine Führung bekommen. Schnell wende ich meinen Blick von ihnen wieder ab, um bloß nicht aufzufallen.

Stattdessen beobachte ich die Lichter um mich herum. Mal sehr neon und grell gehalten, mal leuchten sie nur in aus der Zeit gefallenen Behältnissen, die zu in die Jahre gekommenen Bars aus dem letzten Jahrhundert gehören, aber vielleicht gerade deswegen ihren Charme haben.

Neugierig blicke ich in einer der Bars hinein. Zwei bärtige ältere Männer unterhalten sich aufgeregt. Worüber genau kann ich nicht verstehen, aber dafür sehr genau registrieren, wie einer der Männer immer wieder wild auf den Tisch einschlägt. Als bräuchte er dieses Stück Holz, um sich dem anderen Mann gegenüber zu behaupten.

Sein Gesicht ist geprägt von Falten, einzelne seiner zerzausten Haare hängen ihm runter bis zum Kinn. Seine dreckig-weiße Haut glänzt etwas in den Reflexionen einer alten, selten benutzten Diskokugel, die an der Decke hängt. Mit jedem Schlag seiner wuchtigen Hände zuckt der Mann gegenüber etwas zusammen, aber ohne auch nur im geringsten seine Miene zu verziehen. Mit nach hinten gekämmten Haaren voller Haargel, sieht er den anderen Mann immer wieder mit dem gleichen Blick an.

Ausdruckslos, aber dennoch klar und eindrucksvoll, schauen seine Augen aus der dreckigen Sonnenbrille hervor, die trotz der fehlenden Sauberkeit nur begrenzt dafür sorgt, dass man seine Augen nicht erkennen kann. Seine dünnen Arme hat er etwas unschuldig hinter seinem Rücken versteckt und die Beine kleben förmlich an dem Metallring des Hockers, auf dem er sitzt. Ich könnte diesen beiden Männern stundenlang zuschauen, so faszinierend wirken sie auf mich. Gleichwohl scheint die Situation, in der sie sich gerade befinden, keinen glücklichen Grund zu haben.

Als einer der Mann wieder zum Schlag ausholt, fällt mein Blick auf den einzigen Barkeeper im Raum. Hinter ihm die teuersten und hochwertigsten Weine und Spirituosen, leicht verstaubt, als wären sie ebenfalls nur Randerscheinungen, die hier kaum eine Rolle spielen. Vor ihm ein langer schwarzer Schrank, der als Tisch dient und mit einer silbernen Zapfsäule, verkratztem Spülbecken und vielen leeren Gläsern ausgestattet ist.
Da außer den beiden Männern keine andere Person in dieser Bar zu sehen ist, scheint der Barkeeper gerade für einer der beiden Männer einen Drink zuzubereiten. Mit höchster Konzentration shaked und füllt er die einzelnen Flüssigkeiten in das oben etwas abgerundete Weinglas und stellt es schließlich tatsächlich einem der Männer hin. Dieser wirft ihm hastig einen Blick zu, den ich von meiner Position nicht erkennen kann und trinkt genüsslich ein Schluck nach dem anderen aus diesem Glas.

Währenddessen fährt draußen ein Polizeiauto an mir vorbei und die Kirchenuhr ertönt. Vor lauter Beobachten hatte ich die Uhrzeit völlig aus den Augen verloren und stand hier also um 22 Uhr immer noch an dem Fenster der Bar. Da ich morgen wieder früh arbeiten musste, entschied ich mich schweren Herzens nach Hause zu gehen. Immerhin wusste ich jetzt, dass das Leben doch nicht so leicht war, wie es manchmal scheint.


Du hast Feedback zu der Geschichte? Dann scroll gerne nach unten und schreibe ein Kommentar! Ich lese auch jeden einzelnen durch und antworte darauf.

Kommentar verfassen